Interview Matthias Drilling

Dem Polyfeld Muttenz den Puls fühlen

Die Gemeindeversammlung hat für die Thematik der sozialen Nachhaltigkeit im Polyfeld Muttenz im Budget 2015 einen Kredit beschlossen. In der Folge beauftragte der Gemeinderat die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW (HSA) mit der Bearbeitung dieses wichtigen Aspekts der Arealentwicklung. Als erste konkrete Aktion haben Studierende der HSA Passantinnen und Passanten nach ihrer Beziehung zum Polyfeld befragt. Aus den persönlichen Gesprächen sind Plakate entstanden, die im Polyfeld und punktuell in ganz Muttenz zu sehen sind. Dr. Matthias Drilling, Leiter Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung FHNW, erklärt die Hintergründe.

Matthias_Drilling

Prof. Dr. Matthias Drilling, Institut für Sozialplanung und Stadtentwicklung FHNW. Foto: zvg.

Herr Drilling, bald wird die Plakatserie «Unterwegs für Polyfeld Muttenz» lanciert. Wie ist es zu diesem ungewöhnlichen Projekt gekommen?

Die Gemeinde Muttenz hat in den letzten Jahren umfangreich über das Polyfeld informiert. Entsprechend viel weiss die Bevölkerung über die Arealentwicklung zwischen Bahnhof, Birsfelderstrasse, Bahnlinie und Gründenstrasse. Nicht zuletzt, weil die Stimmberechtigten selbst am politischen Prozess beteiligt waren und ihr Einverständnis zur Realisierung gegeben haben. Nun fanden wir es an der Zeit, dass Muttenzerinnen und Muttenzer ihre Vorstellungen zum Polyfeld auch miteinander teilen. Dazu haben wir an einem Samstag bei der Tramhaltestelle Muttenz Dorf Menschen gefragt, ob sie aus ihrer ganz persönlichen Sicht etwas zum Thema sagen wollen. Und ob sie bereit sind, sich mit ihren Statements auf einem mitgestalteten Plakat öffentlich zu präsentieren.

Wie haben die Menschen darauf reagiert?

Die Bereitschaft war sehr gross. Unsere Studierende haben auch mit Frauen und Männern, die sich sonst wenig in Gemeindebelange einmischen, sehr interessante Gespräche geführt. Wir waren zudem überrascht, dass so viele der Porträtierten eine Woche später auch wirklich in die Hofackerstrasse kamen, um mit uns «ihre» persönlichen Plakate zu gestalten. Wir wollten ja möglichst wenig beeinflussen und viel den Teilnehmenden selbst überlassen. Das hat sehr gut geklappt. Natürlich gab es auch Personen, die nicht mitmachen wollten oder sich für das neue Quartier nicht interessierten. Aber das ist ja normal in einer lebendigen Demokratie.

Warum ist es überhaupt wichtig, die Bevölkerung aktiv einzubeziehen?

Es ist Teil der so genannten sozialen Nachhaltigkeit: sich auch ausserhalb der Planungspolitik über die Entwicklung der Gemeinde Gedanken zu machen. Die Bereitschaft der Teilnehmenden, sich im Rahmen dieser Plakatserie derart zu exponieren, kann beispielsweise die Identifikation mit der Gemeinde immens stärken, nicht nur weil die Porträtierten wiedererkannt werden, sondern auch weil ihre Meinung zum Polyfeld ehrlich und somit glaubwürdig ist. Wo Menschen auf diese Weise Verantwortung übernehmen, entstehen neue soziale Beziehungen über Gruppen und Grenzen hinweg. Ausserdem haben die «Brockenstube» und die «Brotschüre» in Muttenz unsere Arbeit grosszügig unterstützt. Das alles trägt zum Austausch, zu Toleranz und gegenseitigem Verstehen bei – wichtige Kernanliegen sozialer Nachhaltigkeit.

Wie hat die Gemeinde auf die Plakate reagiert?

Die Zusammenarbeit mit der Bauverwaltung und dem Vorsteher Thomi Jourdan war von Beginn weg sehr kreativ und engagiert. Heute freue ich mich darüber, dass das Resultat und die von den Beteiligten zum Ausdruck gebrachten Rückmeldungen motivierend wirken, sich weiterhin für die Entwicklung des Polyfelds zu engagieren.

Gibt es also weitere Projekte, die Sie mit der Gemeinde Muttenz angehen werden?

Das Projekt soziale Nachhaltigkeit ist eine langfristige Aufgabe. Nun starten wir erst einmal mit der Plakatausstellung und dann entscheidet der Gemeinderat über das weitere Vorgehen und folgende Projekte. Mich persönlich würde es freuen, wenn ich ein weiteres Projekt mit den gleichen Studierenden realisieren könnte, denn sie waren unermüdlich engagiert. Und ich würde die Porträtierten gerne fragen, ob sie auch bei kommenden Aktivitäten dabei wären – so bauen sich Netze auf.

Wo sehen Sie persönlich das Potenzial des Polyfelds?

Es ist noch nicht zum Quartier gereift – das dauert natürlich seine Zeit, gerade mit dem spannenden Mix aus Wohnen, Arbeiten, Bildung und Verweilen. Hier liegt auch das Potenzial, denn das Polyfeld hat eigentlich alles, was es braucht, um zu funktionieren; und wenn es gelingt, dass attraktive Angebote für ganz Muttenz entstehen, dann bleibt der Weg durch das Polyfeld nicht nur der Gang zum Bahnhof. Weiteres Potenzial bieten wir selber, also die Fachhochschule Nordwestschweiz: Wenn wir unseren Campus beziehen, stehen wir der Gemeinde für viele Fragen und Ideen quasi vor Ort zur Verfügung. Daraus kann sich einiges entwickeln, das wissen wir von anderen Gemeinden.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Drilling leitet das Institut für Sozialplanung und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen unter anderem die Stadt- und Quartiersforschung.

Weitere Informationen